Voltaire und Lessing
Zwei Säulen an der Havel — ein Denkmal der Aufklärung
Anfang Mai, ein Spaziergang mit meiner Frau entlang der Neustädter Havelbucht in Potsdam — und plötzlich mein überraschter Blick: zwei Freimaurer! Was da zwischen den Bäumen auftaucht, sind zwei aufragende Säulenfragmente, flankiert von Sandsteinquadern in einem halbrund gepflasterten Ensemble — die Voltaire-Lessing-Ehrung des Potsdamer Bildhauers Rainer Sperl, entstanden 1992. Die Steine sind keine Dekoration, sondern echte Spolien: Überreste des einst prachtvollen Potsdamer Stadtschlosses, die hier ein zweites Leben als Träger von Erinnerung gefunden haben.
Bronzene Details verraten, wer geehrt wird: Tintenfass und Feder (links außerhalb vom Foto) stehen für Voltaire, ein aufgeschlagenes Buch (rechts außerhalb vom Foto) für Gotthold Ephraim Lessing. Beide lebten und arbeiteten zeitweise im nahe gelegenen Marquisat, jener bescheidenen Gartenvilla, die Friedrich der Große seinem Freund, dem Marquis d’Argens, geschenkt hatte. Und beide teilten die Überzeugung der europäischen Aufklärung: dass Vernunft, Toleranz und freies Denken die Fundamente einer gerechten Gesellschaft sind.
Der Freimaurer-Gedanke beim Anblick der zwei Säulen lag dabei gar nicht so falsch. Voltaire wurde kurz vor seinem Tod 1778 in die Pariser Loge Les Neuf Sœurs aufgenommen. Lessing war nicht nur Logenbruder, sondern schrieb mit seinen Dialogen Ernst und Falk eines der tiefgründigsten freimaurerischen Werke überhaupt. Und die zwei Säulen — im Freimaurertum ein zentrales Symbol für Beständigkeit (Jachin) und Stärke (Boaz) — wirken hier fast wie eine stille Verbeugung vor dieser Tradition.
